Die Gitteralge Hydrodictyon reticulatum – eine überraschende Entdeckung bei unseren Seerosen

Manchmal entdeckt man auch nach vielen Jahren im Zoofachhandel noch etwas völlig Neues. Genau das ist mir vor Kurzem bei unseren Verkaufs-Seerosen im Zoo Roco passiert.

Zwischen den Wasserpflanzen befand sich plötzlich ein auffälliges Gebilde. Auf den ersten Blick sah es fast so aus, als wäre ein feines Kunststoffnetz oder ein Stück von einem Verpackungsnetz oder Watte ins Wasser geraten. Als ich es genauer betrachtete und in die Hand nahm, wurde aber schnell klar: Das ist kein künstliches Material, sondern etwas Lebendiges.

Die grün-gelbe Struktur bestand aus vielen regelmässigen Maschen, die gemeinsam ein richtiges Netz bildeten. So etwas hatte ich bisher noch nie gesehen.

Und das will etwas heissen: Ich bin seit 43 Jahren im Zoofachhandel tätig und habe in dieser Zeit unzählige Aquarien, Gartenteiche, Wasserpflanzen und natürlich auch viele verschiedene Algenarten gesehen. Aber diese Alge ist mir in all den Jahren noch nie begegnet.

Eine Alge wie ein grünes Fischernetz

Nach einiger Suche im Internet fand ich heraus, dass es sich sehr wahrscheinlich um die Gitteralge Hydrodictyon reticulatum handelt. Sie wird auch Netzalge oder Wassernetz genannt.

Der Name passt ausgezeichnet. Die Zellen dieser Grünalge sind an ihren Enden miteinander verbunden und bilden dadurch eine netzartige Struktur. Die Maschen sind so gross, dass man sie problemlos mit blossem Auge erkennen kann. Je nach Wachstum kann daraus ein lockeres, röhren- oder sackförmiges Netz entstehen.

Wer diese Alge zum ersten Mal sieht, denkt deshalb kaum sofort an eine Pflanze oder Alge. Sie erinnert tatsächlich eher an ein feinmaschiges Netz, das jemand im Wasser liegen gelassen hat.

Laut der wissenschaftlichen Algendatenbank AlgaeBase gehört Hydrodictyon reticulatum zu den Grünalgen. Die Gattung kommt vorwiegend in Seen, Teichen und langsam fliessenden Gewässern vor. Sie ist aus gemässigten bis tropischen Regionen bekannt und wird häufig in nährstoffreicheren Gewässern gefunden.

Gerade ihre ungewöhnliche Form macht die Gitteralge für mich so faszinierend. Viele Algen kennen wir als grüne Beläge, lange Fäden, schmierige Schichten oder frei schwebendes grünes Wasser. Die Gitteralge dagegen besitzt eine klare und erstaunlich regelmässige Struktur.

Von den Verkaufs-Seerosen in meinen Teich

Nachdem ich die Gitteralge bei unseren Seerosen und Teichpflanzen entdeckt hatte, wollte ich natürlich wissen, wie sie sich weiterentwickelt.

Ich nahm deshalb einen Teil mit nach Hause und setzte ihn in meinen Teich zu den Medakas. Medakas, auch Japanische Reisfische genannt, eignen sich hervorragend für kleinere Gartenteiche und Miniteiche. Sie sind lebhafte, interessante Fische, die sich besonders gerne im oberen Wasserbereich aufhalten.

In diesem Teich scheint sich die Gitteralge bisher sehr wohlzufühlen. Sie gedeiht gut und behält ihre auffällige netzartige Form. Noch kann ich nicht abschliessend sagen, welche Bedingungen ihr besonders zusagen. Vermutlich spielen das Licht, die Wassertemperatur und das vorhandene Nährstoffangebot eine wichtige Rolle.

Es ist für mich besonders spannend, eine Art zu beobachten, über die im Vergleich zu vielen bekannten Aquarien- und Teichpflanzen nur wenige praktische Haltungsberichte zu finden sind. Natürlich muss ich auch darauf achten, dass sie sich nicht zu stark ausbreitet. Die Gitteralge kann sich unter passenden Bedingungen offenbar rasant vermehren.

Jede einzelne Zelle des Netzes kann im Inneren eine neue Tochterkolonie bilden. Dadurch ist ein rasches Wachstum grundsätzlich möglich. Das erklärt vermutlich auch, weshalb die Alge manchmal ganz plötzlich und in grösseren Mengen auftreten kann.

Für mich gehört deshalb zur Beobachtung auch eine gewisse Vorsicht: Teile der Alge sollten nicht einfach in natürliche Gewässer, Bäche oder Seen gelangen. Was im eigenen kontrollierten Teich interessant aussieht, kann sich in einem anderen Gewässer unter Umständen stark ausbreiten.

Ein Versuch im Garnelenaquarium

Neben dem Teichversuch wollte ich herausfinden, wie sich die Gitteralge in einem Aquarium verhält. Deshalb haben wir auch ein Stück in eines unserer Garnelenaquarien im Geschäft eingesetzt.

Noch ist es zu früh, um zu beurteilen, ob und wie gut sie dort weiterwächst. Ein Aquarium bietet schliesslich andere Bedingungen als ein Teich. Beleuchtung, Strömung, Temperatur, Nährstoffgehalt und Wasserwechsel können einen grossen Einfluss darauf haben, ob sich eine Alge wohlfühlt oder langsam zurückgeht.

Eine Beobachtung konnten wir jedoch bereits machen: Die Garnelen sind fleissig an der Alge am Grasen.

Dabei lässt sich im Moment noch nicht sicher sagen, ob sie die eigentlichen Zellen der Gitteralge fressen oder vor allem die feinen Aufwuchsorganismen und Ablagerungen aufnehmen, die sich auf ihrer Oberfläche befinden. Garnelen suchen bekanntlich fast ständig Pflanzen, Wurzeln, Steine und andere Flächen nach verwertbarem Futter ab.

Die Gitterstruktur scheint ihnen jedenfalls eine interessante Weidefläche zu bieten. Sie können darauf herumklettern und die einzelnen Zellstränge gründlich abarbeiten.

Auch in einem Erfahrungsbericht im Forum Der Wirbellotse wird beschrieben, dass Garnelen, Schnecken und einige Fische die Gitteralge offenbar als zusätzliche Nahrung betrachten können. Dort wurde die Alge ebenfalls zufällig bei einer Teichpflanze entdeckt – mit der ersten Vermutung, jemand habe ein Obstnetz ins Wasser geworfen.

Diese Ähnlichkeit zu meiner eigenen Entdeckung fand ich besonders interessant.

Zierde, Futterquelle oder problematische Alge?

Ob die Gitteralge langfristig als interessante Ergänzung für ein Garnelenaquarium geeignet ist, kann ich bisher nicht beantworten. Dafür fehlen mir eigene Langzeiterfahrungen.

Möglicherweise wächst sie unter bestimmten Bedingungen gut und bietet den Garnelen eine zusätzliche Fläche zum Abweiden. Es ist aber genauso denkbar, dass sie im warmen Aquarium nicht dauerhaft bestehen bleibt oder von den Tieren nach und nach zerlegt wird.

Auch im Teich muss beobachtet werden, wie sie sich über die verschiedenen Jahreszeiten verhält. Besonders interessant wird sein, was bei sinkenden Temperaturen geschieht und ob sie nach dem Winter erneut erscheint.

Grundsätzlich sollte man bei Algen nicht vorschnell nur in „gut“ oder „schlecht“ einteilen. Algen gehören zu natürlichen Gewässern und erfüllen dort wichtige Aufgaben. Sie produzieren Sauerstoff, binden Nährstoffe und dienen vielen kleinen Wasserlebewesen als Nahrung oder Lebensraum.

Problematisch werden sie meist erst dann, wenn eine Art überhandnimmt und andere Pflanzen verdrängt oder grosse Mengen der Wasseroberfläche bedeckt. Deshalb werde ich die Entwicklung der Gitteralge aufmerksam verfolgen und bei Bedarf einen Teil entfernen.

Entfernte Algenreste gehören dabei auf den Kompost oder in den Kehricht und nicht in ein natürliches Gewässer.

Auch nach 43 Jahren gibt es Neues zu entdecken

Gerade solche Erlebnisse machen meinen Beruf nach so vielen Jahren immer noch spannend. Man glaubt, bereits fast alles gesehen zu haben – und dann liegt zwischen einigen Verkaufs-Seerosen plötzlich ein lebendiges grünes Netz.

Die Gitteralge Hydrodictyon reticulatum ist für mich deshalb nicht einfach irgendeine weitere Alge. Sie ist eine kleine biologische Überraschung und ein schönes Beispiel dafür, wie aussergewöhnlich die Formen in der Natur sein können.

Nun beobachte ich weiter, wie sie sich im Teich bei den Medakas und in unserem Garnelenaquarium entwickelt. Besonders gespannt bin ich darauf, ob sie im Aquarium wächst, ob die Garnelen sie mit der Zeit vollständig abweiden und wie sie sich im Teich über die kommenden Monate verändert.

Sobald wir mehr Erfahrungen gesammelt haben, werde ich wieder darüber berichten.

Mehr über Aquaristik, Gartenteiche, Wasserpflanzen und die passenden Bewohner findet ihr bei Zoo Roco.


Autor: Therese Schumacher

Geschäftsführerin Zoo Roco / eidg. Dipl. Detailhandelskaufmann / Tierpflegerausweis / Erwachsenenbildnerin / Prüfungsexpertin im Zoofachhandel und Mastertrainerin / Autorin von Schulunterlagen/ Präsidentin Verband Zoologischer Fachgeschäfte der Schweiz / Hobby Fotografie-Reisen.ch Zoo Roco Team:/ Thesi IST der Zoo Roco in menschlicher Gestalt. Seit über 30 Jahren führt sie erfolgreich dieses Fachgeschäft und tut dies mit einer so grossen Leidenschaft, dass es seinesgleichen sucht. Thesi ist unser Superhirn, weil sie über jede Bestellung und jeden Artikel genausten Bescheid weiss - es gibt selten eine Frage, für die Thesi nicht eine Antwort bereit hat - und falls ein solcher Fall vorliegt, zögert sie nicht, ihr riesiges Netzwerk anzuzapfen um an fundierte Antworten zu kommen. Egal also welches Anliegen Sie haben - mit Thesi sind Sie bei der richtigen Person.

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