Insektenprotein wird zunehmend als nachhaltige Alternative zu Rind, Geflügel oder Fisch im Hunde- und Katzenfutter angeboten. Mehlwürmer, Grillen, Larven der Schwarzen Soldatenfliege und neuerdings auch Seidenraupenpuppen sollen hochwertige Nährstoffe liefern und gleichzeitig die Umwelt entlasten.
Doch wie nachhaltig ist Insektenfutter tatsächlich? Was steckt ernährungsphysiologisch darin? Und welche Fragen sollten Tierhalterinnen und Tierhalter stellen, bevor sie ein entsprechendes Produkt kaufen?
Dieser Beitrag entstand aus meinen Notizen und weiteren Recherchen nach dem Besuch des Fachvortrags beim ZZF-Symposium in Frankfurt am Main.
Der ökologische Pfotenabdruck unserer Haustiere
Haustiere benötigen Futter, Wasser, Zubehör, Medikamente und Energie. Vor allem die Herstellung des Futters trägt zu ihrer Umweltbelastung bei.
Eine 2020 veröffentlichte Lebenszyklusanalyse kam zu dem Ergebnis, dass ein durchschnittlicher, rund 15 Kilogramm schwerer Hund während eines angenommenen Lebens von 13 Jahren etwa 8,2 Tonnen CO₂-Äquivalente verursachen kann. Die Forschenden verglichen diesen Wert mit den Emissionen, die bei der Herstellung eines Mercedes C250 entstehen. Die häufig wiederholte Bezeichnung „Mercedes C500“ geht daher vermutlich auf eine ungenaue Wiedergabe zurück. (MDPI)
Solche Vergleiche sind eindrücklich, müssen aber vorsichtig interpretiert werden. Der tatsächliche ökologische Fussabdruck eines Hundes hängt stark von seiner Grösse, seiner Lebenserwartung, der Zusammensetzung und Menge seines Futters sowie von den Annahmen der jeweiligen Berechnung ab.
Dennoch stellt sich eine berechtigte Frage: Muss hochwertiges Tierfutter zwingend aus Fleisch oder Fisch bestehen, die auch für die menschliche Ernährung genutzt werden könnten?
Hier beginnt die Diskussion über Insekten als Futtermittel.
Haustier oder Nutztier?
Bei der Insektenzucht verschwimmen gewohnte Grenzen. Hunde und Katzen gelten als Heimtiere. Die Insekten, die für ihr Futter gezüchtet werden, sind dagegen Nutztiere – auch wenn viele Menschen sie zunächst nicht als solche wahrnehmen.
Millionen oder sogar Milliarden einzelner Tiere können in einer Zuchtanlage gehalten und verarbeitet werden. Deshalb geht es nicht allein um Nährwerte und Nachhaltigkeit. Auch Fragen zu Haltung, Transport und Tötung gehören zu einer vollständigen Betrachtung.
Seit fast einer halben Milliarde Jahren erfolgreich
Insekten gehören zu den ältesten und erfolgreichsten Tiergruppen der Erde. Ihre evolutionären Ursprünge reichen vermutlich etwa 480 Millionen Jahre zurück. Sie entstanden damit ungefähr zur gleichen Zeit wie die ersten Landpflanzen. (ScienceDirect)
Heute gibt es mehr bekannte Insektenarten als Arten aller anderen Tiergruppen zusammen. Diese enorme Vielfalt zeigt sich nicht nur im Aussehen, sondern auch in den Lebensweisen und Ernährungsformen.
Manche Insekten sind ausgesprochen anspruchslos und nutzen zahlreiche Futterquellen. Andere sind hoch spezialisiert und können nur bestimmte Pflanzen oder Pflanzenteile verwerten.
Die häufig gehörte Aussage, Insekten würden einfach „alles fressen“, ist deshalb falsch.
Woran erkennt man ein Insekt?
Der Körperbau ausgewachsener Insekten folgt einem charakteristischen Grundschema:
- Der Körper besteht aus Kopf, Brustabschnitt und Hinterleib.
- Am Brustabschnitt sitzen drei Beinpaare – insgesamt also sechs Beine.
- Insekten besitzen ein Aussenskelett, das unter anderem Chitin enthält.
- Typisch ist ein Paar Antennen.
- Viele Arten verfügen über Facettenaugen.
- Geflügelte Arten können bis zu zwei Flügelpaare besitzen.
Nicht jedes Insekt hat im Erwachsenenstadium tatsächlich Flügel. Bei manchen Arten wurden sie im Laufe der Evolution zurückgebildet, bei anderen kommen nur bei bestimmten Geschlechtern oder Lebensformen Flügel vor. (Museum of the Earth)
Zwei unterschiedliche Formen der Metamorphose
Während ihrer Entwicklung müssen Insekten ihr festes Aussenskelett mehrfach abstreifen. Je nach Tiergruppe verläuft die Entwicklung unterschiedlich.
Unvollständige Metamorphose
Bei der sogenannten hemimetabolen Entwicklung ähnelt das Jungtier dem ausgewachsenen Insekt bereits. Diese Jungtiere werden als Nymphen bezeichnet.
Mit jeder Häutung werden sie grösser und dem erwachsenen Tier ähnlicher. Flügel und Geschlechtsorgane bilden sich schrittweise vollständig aus. Eine Puppenphase gibt es nicht.
Zu den hemimetabolen Insekten gehören beispielsweise:
- Heuschrecken
- Schaben
- Wanzen
- Libellen
Vollständige Metamorphose
Holometabole Insekten durchlaufen deutlich voneinander getrennte Entwicklungsstadien:
Ei – Larve – Puppe – erwachsenes Insekt
Die Larve sieht dem erwachsenen Tier meist kaum ähnlich. Eine Schmetterlingsraupe wird beispielsweise nicht einfach immer schmetterlingsähnlicher. Erst während der Puppenphase findet der grundlegende Umbau zum Falter statt.
Zu den holometabolen Insekten gehören unter anderem Käfer, Fliegen, Mücken, Bienen, Wespen, Ameisen und Schmetterlinge.
Bei Fliegen spricht man im Larvenstadium häufig von Maden, bei Schmetterlingen von Raupen. Eine Made entwickelt sich daher nicht zuerst zu einer Raupe. Beides sind unterschiedliche Bezeichnungen für Larven verschiedener Insektengruppen.
Welche Insekten eignen sich für die Zucht?
Eine wirtschaftliche Insektenzucht stellt besondere Anforderungen an die verwendete Art. Aus Sicht der Produktion sind unter anderem folgende Eigenschaften erwünscht:
- schnelles Wachstum
- einfache und zuverlässige Vermehrung
- gute Nährwerte
- geringe Aggressivität
- kein Stechen oder Beissen
- geringe Fluchtneigung
- eine hohe Besatzdichte
- verfügbare und gesetzlich erlaubte Futtersubstrate
- möglichst geringe Anfälligkeit für Krankheiten und Parasiten
Der Ausdruck „zahm“ ist dabei nur eingeschränkt passend. Gezüchtete Insekten bauen normalerweise keine Beziehung zum Menschen auf. Entscheidend ist vielmehr, dass sie sich leicht und sicher halten lassen.
Besonders häufig verarbeitet werden Larven der Schwarzen Soldatenfliege, Mehlwürmer und verschiedene Grillenarten.
Mehr als eine Proteinquelle
Aus Insekten lassen sich verschiedene Bestandteile gewinnen:
Protein
Insekten können viel hochwertiges Eiweiss und zahlreiche essenzielle Aminosäuren enthalten. Der genaue Gehalt unterscheidet sich jedoch erheblich zwischen den Arten und hängt ausserdem vom Entwicklungsstadium, vom Futter und von der Verarbeitung ab.
Fett
Insektenfett kann als Energiequelle eingesetzt werden. Seine Fettsäurezusammensetzung wird ebenfalls durch die jeweilige Art und deren Fütterung beeinflusst.
Chitin und Chitosan
Das Aussenskelett der Tiere enthält Chitin. Durch chemische oder enzymatische Verarbeitung kann daraus Chitosan hergestellt werden. Beide Stoffe werden für verschiedene technische, medizinische und ernährungsbezogene Anwendungen untersucht.
Chitin wird gelegentlich mit einem Ballaststoff verglichen. Es kann jedoch auch die Analyse des Rohproteingehalts beeinflussen, weil klassische Messverfahren den im Chitin enthaltenen Stickstoff teilweise dem Protein zurechnen.
Insektenkot oder „Frass“
Die Ausscheidungen und Reste aus der Insektenzucht werden im Englischen als „frass“ bezeichnet. Sie können unter bestimmten Voraussetzungen als Dünger oder Bodenverbesserer genutzt werden.
Antimikrobielle Peptide
Insekten verfügen über ein angeborenes Immunsystem und bilden verschiedene antimikrobielle Peptide. Diese Stoffe werden wissenschaftlich erforscht, weil sie das Wachstum bestimmter Mikroorganismen hemmen können.
Von einem bereits verfügbaren „Ersatz für Antibiotika“ zu sprechen, wäre allerdings verfrüht. Zwischen einem interessanten Wirkstoff im Labor und einer sicheren, zugelassenen medizinischen Anwendung liegt ein langer Forschungsweg.
Ist Insektenzucht automatisch nachhaltig?
Insekten benötigen im Vergleich zu vielen traditionellen Nutztieren häufig weniger Platz und können Futter effizient in Körpermasse umwandeln. Einige Arten lassen sich ausserdem mit Nebenprodukten der Lebensmittel- oder Landwirtschaft füttern.
Daraus folgt jedoch nicht, dass jedes Insektenprotein automatisch umweltfreundlicher als jede andere Proteinquelle ist.
Die Umweltbilanz hängt unter anderem davon ab:
- womit die Insekten gefüttert werden,
- wie stark die Zuchtanlagen beheizt werden müssen,
- aus welcher Energiequelle Wärme und Strom stammen,
- wie die Tiere getrocknet und verarbeitet werden,
- wie weit Rohstoffe und Endprodukte transportiert werden,
- und welche konventionelle Zutat tatsächlich ersetzt wird.
Werden hochwertige Getreideprodukte verfüttert und muss eine Anlage in einem kühlen Land dauerhaft beheizt werden, kann der ökologische Vorteil deutlich kleiner ausfallen. Insektenprotein ist somit eine mögliche Alternative, aber kein automatischer Nachhaltigkeitsgarant.
Welche Tiere dürfen Insektenprotein erhalten?
Insekten und daraus hergestellte Produkte werden bereits seit längerer Zeit in Heimtierfutter eingesetzt.
In der Europäischen Union ist verarbeitetes Insektenprotein unter festgelegten Bedingungen ausserdem für Aquakulturtiere sowie seit 2021 für Schweine und Geflügel zugelassen. Für Wiederkäuer gelten weiterhin weitreichende Einschränkungen bei verarbeitetem tierischem Protein. (Insectenplattform)
Die Vorschriften betreffen nicht nur die Insektenart, sondern ebenso die Futtermittel, auf denen die Insekten aufgezogen werden. So darf eine Insektenfarm nicht beliebige Küchenabfälle, Gülle oder andere problematische Materialien als Substrat verwenden.
Weitere Informationen zur europäischen Insektenwirtschaft und zu den rechtlichen Bestimmungen veröffentlicht der Branchenverband International Platform of Insects for Food and Feed, kurz IPIFF. Da es sich um einen Interessenverband der Branche handelt, sollten dessen Informationen nach Möglichkeit durch unabhängige wissenschaftliche und behördliche Quellen ergänzt werden.
Ist Insektenfutter purinarm?
Insekten werden gelegentlich pauschal als purinarme Proteinquelle beworben. Eine solche Aussage ist problematisch.
Auch Insekten enthalten Purine. Der Gehalt variiert je nach Art, Geschlecht, Entwicklungsstadium und Verarbeitung. Untersuchungen zeigen, dass die Werte teilweise mit denen herkömmlicher Fleischsorten vergleichbar sein können. Kochen und andere Verarbeitungsschritte können den Puringehalt verändern. (ScienceDirect)
Ein fertiges Hundefutter kann dennoch insgesamt einen niedrigen Puringehalt besitzen, wenn nur ein begrenzter Anteil Insekten enthalten ist und die übrigen Zutaten purinarm sind.
Entscheidend ist deshalb nicht allein der werbewirksame Hinweis „mit Insekten“, sondern der analysierte Puringehalt des vollständigen Futters.
Für Hunde, die aus medizinischen Gründen purinarm ernährt werden müssen – beispielsweise aufgrund bestimmter Stoffwechselerkrankungen oder einer entsprechenden genetischen Veranlagung –, sollte die Eignung des Futters tierärztlich beurteilt werden.
Was verrät die Deklaration wirklich?
Ein hoher Insektenanteil auf der Verpackung bedeutet nicht automatisch einen entsprechend hohen Proteingehalt.
Steht auf einem Nassfutter beispielsweise „60 Prozent Insekten“, kann sich diese Angabe auf wasserreiche, gegarte oder nicht getrocknete Insektenmasse beziehen. Ein grosser Teil dieses Gewichts besteht dann aus Wasser.
Getrocknetes Insektenmehl ist wesentlich konzentrierter. Deshalb können zehn Prozent Insektenmehl mehr Protein liefern als ein deutlich höherer Anteil frischer oder gegarter Larven.
Verbraucherinnen und Verbraucher sollten daher auf mehrere Angaben achten:
- Welche Insektenart wurde verwendet?
- Handelt es sich um ganze Insekten, Larven, Puppen, Proteinmehl oder Fett?
- Wird der Anteil vor oder nach der Trocknung angegeben?
- Wie hoch sind Rohprotein und Rohfett?
- Ist das Produkt ein Alleinfuttermittel oder nur ein Ergänzungsfuttermittel?
- Gibt es Angaben zu Purinen, Aminosäuren und Verdaulichkeit?
- Wird die Herkunft der Insekten genannt?
Wasser, das lediglich für die Verarbeitung verwendet und später wieder entfernt wird, muss nicht zwangsläufig wie eine klassische Zutat erscheinen. Verbleibt es jedoch im Endprodukt, beeinflusst es dessen Zusammensetzung und den Proteingehalt erheblich.
Prozentangaben lassen sich deshalb nur sinnvoll vergleichen, wenn Form und Feuchtigkeit der verwendeten Insekten bekannt sind.
Seidenraupenpuppen: Nebenprodukt der Seidenproduktion
Eine besonders interessante Proteinquelle ist die Puppe des Maulbeerspinners Bombyx mori.
Die Raupen ernähren sich überwiegend von Blättern des Maulbeerbaums. Nach mehreren Häutungen spinnen sie einen Kokon, in dem sie sich verpuppen. Die Larvenphase dauert unter geeigneten Bedingungen ungefähr vier Wochen; der gesamte Lebenszyklus vom Ei bis zum ausgewachsenen Falter ist länger und hängt von Zuchtlinie, Temperatur und Umweltbedingungen ab.
Damit der später schlüpfende Falter den langen Seidenfaden nicht beim Verlassen des Kokons zerstört, werden die Puppen in der konventionellen Seidenproduktion vor dem Schlupf durch Hitze getötet. Anschliessend lässt sich der Kokon abwickeln.
Die zurückbleibenden Puppen fallen in grossen Mengen an. In verschiedenen asiatischen Ländern werden sie traditionell gegessen oder zu Tierfutter, Öl, Dünger und weiteren Produkten verarbeitet.
Allein die indische Seidenwirtschaft beschäftigt heute mehrere Millionen Menschen. Aktuelle Branchenangaben nennen annähernd zehn Millionen Beschäftigte, vor allem in ländlichen Gebieten. (India Brand Equity Foundation)
Nährwerte der Seidenraupenpuppen
Seidenraupenpuppen können einen hohen Proteinanteil und ein interessantes Aminosäuremuster aufweisen. In entfettetem und getrocknetem Puppenmehl wurden je nach Produkt und Untersuchungsmethode Rohproteingehalte von etwa 50 bis über 80 Prozent der Trockenmasse beschrieben. (PMC)
Hervorgehoben wird häufig ihr Gehalt an essenziellen Aminosäuren wie Methionin und Lysin. Eine pauschale Angabe von vier Prozent Methionin lässt sich jedoch nicht auf jedes Seidenraupenprodukt übertragen. Die Werte unterscheiden sich je nach Zucht, Entfettung und Berechnungsgrundlage.
Mechanisch entfettetes Puppenmehl kann nur noch einen vergleichsweise niedrigen Fettgehalt besitzen. Unbehandelte Puppen enthalten dagegen deutlich mehr Fett.
Auch der Chitingehalt gilt im Vergleich zu manchen anderen Insektenprodukten als relativ gering, verschwindet aber nicht vollständig.
Damit ist die Seidenraupenpuppe ernährungsphysiologisch durchaus interessant. Ob sie sich für ein bestimmtes Hunde- oder Katzenfutter eignet, entscheidet jedoch die Rezeptur des vollständigen Produkts – nicht eine einzelne attraktive Laborzahl.
Ein Abfallprodukt – oder ein Koppelprodukt?
Seidenraupenpuppen werden häufig als Abfallprodukt der Seidenindustrie bezeichnet. Werden sie sinnvoll weiterverwendet, kann dies grundsätzlich dazu beitragen, vorhandene Ressourcen besser auszunutzen.
Sobald jedoch ein eigener wirtschaftlicher Markt für die Puppen entsteht, sind sie streng genommen nicht mehr bloss Abfall. Sie werden zu einem wertvollen Koppelprodukt der Seidenherstellung.
Für eine Umweltbewertung ist diese Unterscheidung wichtig. Ein Nebenstrom, der ansonsten ungenutzt entsorgt würde, erhält eine andere ökologische Bewertung als ein Produkt, dessen Nachfrage die Ausweitung der gesamten Produktion fördert.
Was ist mit Pestizidrückständen?
Seidenraupen sind sehr empfindlich gegenüber Pflanzenschutzmitteln. Rückstände auf Maulbeerblättern können ihre Entwicklung, Gesundheit und Seidenproduktion beeinträchtigen. Die Belastung der Futterpflanzen ist deshalb bereits für die Seidenproduzenten selbst ein bedeutendes Problem. (ScienceDirect)
Aus dem blossen Herkunftsland lässt sich allerdings nicht zuverlässig auf die Belastung eines fertigen Futtermittels schliessen. Die pauschale Aussage, chinesische Puppen enthielten grundsätzlich viele Pestizide, wäre ohne konkrete Analysedaten nicht seriös.
Die entscheidenden Fragen lauten vielmehr:
- Aus welchem Betrieb und aus welcher Region stammen die Puppen?
- Welche Pflanzenschutzmittel wurden beim Maulbeeranbau eingesetzt?
- Werden Rohwaren und Endprodukte auf Rückstände untersucht?
- Nach welchen Grenz- und Orientierungswerten wird bewertet?
- Sind aktuelle Analysezertifikate verfügbar?
- Werden einzelne Chargen zurückverfolgt?
Ein verantwortungsvoller Hersteller sollte seine Lieferkette kennen und ein systematisches Rückstands- und Schadstoffmonitoring betreiben. Dazu gehören je nach Ausgangsmaterial nicht nur Pestizide, sondern beispielsweise auch Schwermetalle, mikrobiologische Belastungen und mögliche Allergene.
Dass Seidenraupen durch Pestizide geschädigt werden können, beweist noch nicht automatisch, dass ein bestimmtes Endprodukt für Haustiere belastet ist. Umgekehrt darf die Bezeichnung „natürliches Insektenprotein“ eine fehlende Qualitätskontrolle nicht ersetzen.
Tierwohl endet nicht bei Hund und Katze
Die Forschung zum Wohlbefinden gezüchteter Insekten steht noch am Anfang. Es ist nicht abschliessend geklärt, wie verschiedene Insektenarten Schmerzen, Stress oder andere negative Zustände erleben.
Wissenschaftlich diskutiert werden unter anderem geeignete Haltungsdichten, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Licht, Futter- und Wasserversorgung, Krankheiten, Verletzungen, Transport sowie die Tötungsmethode. Aktuelle Übersichtsarbeiten betonen, dass verlässliche und praxistaugliche Indikatoren für das Wohlergehen vieler Zuchtinsekten noch entwickelt werden müssen. (ScienceDirect)
Vorsorglich sollten zumindest vermeidbare Belastungen reduziert werden. Dazu gehören:
- ausreichendes und artgerechtes Futter,
- Zugang zu Feuchtigkeit oder Wasser in geeigneter Form,
- passende Temperaturen,
- Schutz vor Krankheiten und Parasiten,
- möglichst wenig unnötige Störung,
- eine schnelle und möglichst belastungsarme Tötung.
Bei der Seidenherstellung kommt eine zusätzliche ethische Frage hinzu: Die Puppe wird meist durch heissen Wasserdampf, heisse Luft oder kochendes Wasser getötet, damit der Falter den Seidenfaden nicht beschädigt.
Wer Seidenraupenpuppen als nachhaltiges Futtermittel bewertet, sollte deshalb nicht nur fragen, ob ein Reststoff genutzt wird. Ebenso relevant ist, unter welchen Bedingungen die Tiere gehalten und getötet wurden.
Insektenfutter kann sinnvoll sein – aber nicht jedes Versprechen stimmt
Insekten können wertvolle Proteine, Fette und weitere nutzbare Stoffe liefern. Besonders die Verwendung bereits anfallender Nebenprodukte wie Seidenraupenpuppen kann aus Sicht der Kreislaufwirtschaft interessant sein.
Dennoch ist Insektenfutter nicht automatisch:
- klimaneutral,
- purinarm,
- allergiefrei,
- besonders tiergerecht,
- frei von Pestiziden
- oder ernährungsphysiologisch vollständig.
Wie bei jedem Heimtierfutter zählen die konkrete Zusammensetzung, die Verdaulichkeit, die Herkunft der Rohstoffe, die Qualitätssicherung und die Bedürfnisse des einzelnen Tieres.
Fragen, die wir stellen sollten
Vor dem Kauf eines Insektenfutters lohnt es sich, genauer hinzusehen:
- Welche Insektenart und welches Entwicklungsstadium werden verarbeitet?
- Wo wurden die Insekten gezüchtet?
- Womit wurden sie gefüttert?
- Wie wurden sie getötet und verarbeitet?
- Handelt es sich um frische Insekten, getrocknetes Mehl, entfettetes Protein oder Insektenöl?
- Gibt es Analysen zu Purinen, Aminosäuren und Verdaulichkeit?
- Werden Pestizide, Schwermetalle und mikrobiologische Belastungen kontrolliert?
- Wie hoch ist der tatsächliche Anteil des Insektenproteins in der Trockenmasse?
- Ist das Futter bedarfsdeckend und als Alleinfuttermittel deklariert?
- Welche konkreten Daten belegen die beworbene Nachhaltigkeit?
Fazit
Seidenraupenpuppen und andere Insekten eröffnen interessante Möglichkeiten für die Heimtierernährung. Sie können herkömmliche tierische Proteinquellen teilweise ersetzen und Nebenströme nutzbar machen.
Gleichzeitig wirft ihre Verwendung neue Fragen auf: Wie transparent ist die Lieferkette? Welche Rückstände werden kontrolliert? Wie aussagekräftig sind Prozentangaben auf der Verpackung? Und gelten unsere Ansprüche an eine verantwortungsvolle Tierhaltung auch für sehr kleine Nutztiere?
Insekten im Futternapf sind deshalb weder grundsätzlich gut noch grundsätzlich schlecht. Entscheidend ist, wie sie gezüchtet, gefüttert, verarbeitet und deklariert werden.
Ein kritischer Blick auf die Verpackung – und gelegentlich eine direkte Nachfrage bleibt unerlässlich.