Geschichten aus dem Zoo Roco – Erlebnisse, die man nicht vergisst
Wer viele Jahre in einem Zoofachgeschäft arbeitet, erlebt so einiges. Es gibt schöne Begegnungen, lustige Missverständnisse, erstaunliche Fragen und Geschichten, die einem noch Jahrzehnte später in Erinnerung bleiben.
Eine davon handelt von einem Kanarienvogel, einem Staubsauger und meinem ganz persönlichen Kopfkino.
Eine Kundin erzählt …
Vor vielen Jahren stand eine ältere Kundin bei mir im Geschäft. Wir unterhielten uns, als sie mir von ihrem Missgeschick erzählte.
«Wissen Sie, ich habe meinen Vogelkäfig immer mit dem Staubsauger gereinigt. Das ging eigentlich wunderbar. Aber gestern …»
Sie machte eine kleine Pause.
«… gestern machte es plötzlich SCHWUPPS! – und mein Kanarienvogel war im Staubsauger!»
Ich schaute sie an.
Im ersten Moment wusste ich gar nicht, was ich sagen sollte.
Denn natürlich war das Ganze überhaupt nicht lustig. Der kleine Kanarienvogel hatte den Unfall leider nicht überlebt.
Und plötzlich begann mein Kopfkino …
Während die Kundin ihre Geschichte erzählte, passierte in meinem Kopf allerdings etwas vollkommen anderes.
Ich bin mit den Trickfilmen von Tom und Jerry aufgewachsen. Und wer diese alten Zeichentrickfilme kennt, weiss: Dort überleben die Figuren Dinge, die im wirklichen Leben völlig unmöglich wären.
In meiner Fantasie sah ich deshalb plötzlich den Staubsauger vor mir.
Jemand öffnete vorsichtig den Staubsaugerbeutel.
Eine kleine Staubwolke stieg auf.
Und mitten darin sass der Kanarienvogel.
Völlig nackt. Kein einziges Federchen mehr am Körper.
Mit riesengrossen Augen und einem leicht beleidigten Gesichtsausdruck schaute er aus dem Staubsauger.
Als wollte er sagen: «Also DAS war jetzt wirklich nicht nötig!»
Dann schüttelte er sich einmal kräftig, eine letzte Staubwolke wirbelte durch die Luft und – flatter, flatter – schon flog er davon.
Vielleicht landete er noch kurz auf dem Staubsauger, warf seiner Besitzerin einen empörten Blick zu und verschwand dann wieder in seinem Käfig.
So jedenfalls lief der Film in meinem Kopf ab.
Zwischen Tragik und Trickfilm
Natürlich wusste ich, dass die Wirklichkeit leider ganz anders aussah.
Und selbstverständlich tat mir der kleine Vogel leid.
Aber manchmal entwickelt unser Gehirn in einem völlig unpassenden Moment Bilder, gegen die man sich kaum wehren kann. Ich musste mich jedenfalls sehr zusammennehmen, um nicht über meine eigene absurde Vorstellung zu schmunzeln. Nicht über das Unglück des Vogels – sondern über meinen inneren Zeichentrickfilm, in dem am Ende doch noch alles gut ausging.
Was ich aus dieser Geschichte mitgenommen habe
So viele Jahre später erinnere ich mich noch immer an diesen Moment.
Und eines ist sicher: Einen Vogelkäfig sollte man niemals mit dem Staubsauger reinigen, solange sich der Vogel darin befindet.
Für die Reinigung setzt man den gefiederten Mitbewohner am besten vorübergehend in einen sicheren, geschlossenen Käfig. Denn ein Staubsauger kann für kleine Vögel schnell lebensgefährlich werden.
Und wenn ich heute irgendwo das Wort «Schwupps» höre, sehe ich ihn manchmal wieder vor mir.
Den kleinen, völlig nackten Kanarienvogel mit den riesigen Augen.
Zum Glück nur in meiner Fantasie.

Aus der Reihe «Geschichten aus dem Zoo Roco» – wahre Erlebnisse aus vielen Jahren Zoofachhandel. Manchmal zum Schmunzeln, manchmal zum Nachdenken und ganz bestimmt nie langweilig.