Ein Igel im Herbst, der tagsüber unterwegs ist, braucht nicht automatisch Hilfe. Bei Jungtieren steckt dahinter meist nur fehlendes Winterschlafgewicht, erst Krankheitszeichen wie Röcheln oder Hinken bedeuten echten Alarm. Gewicht und Verhalten verraten Ihnen in wenigen Minuten, ob Beobachten reicht oder ein Anruf bei der Igelstation nötig ist.
Ein gesunder erwachsener Igel wiegt im Herbst zwischen 900 und 1500 Gramm.
Jungigel unter 300 Gramm müssen drinnen aufgepäppelt werden, bis sie mindestens 400 Gramm erreichen.
Katzennassfutter mit hohem Fleischanteil und Wasser sind erlaubt, Milch und Brot schaden dem Igel.
Bei Röcheln, Hinken oder Fliegenbefall zählt das Gewicht nicht mehr, dann hilft nur sofortige tierärztliche Versorgung.
Igel tagsüber unterwegs: Alarmsignal oder normal?
Verständlich, dass Sie erschrecken, wenn ein Igel am helllichten Tag über den Rasen läuft. Meist ist das harmlos. Ein gesunder Jungigel sucht bis weit in den Spätherbst auch tagsüber Futter, weil er sein Winterschlafgewicht noch nicht hat. Das bestätigt das Igelzentrum Zürich. Diese Einschätzung gilt allerdings erst nach Mitte Oktober, wenn es wirklich kalt ist. Auch ein gesunder Erwachsener kann tagsüber auftauchen, wenn er sich ein neues Tagesversteck sucht.
Echte Alarmzeichen sehen anders aus. Dann ist der Igel krank oder verletzt, und es eilt:
Röcheln oder Husten
Hinken, Torkeln oder Herumliegen
sichtbare Verletzungen
Fliegen, die den Igel umschwärmen, oder Fliegeneier und Maden
ein Bauch, der sich deutlich kälter anfühlt als Ihre Hand, und ein schwacher Einrollreflex
fehlender Appetit und kaum Bewegung in der Nacht
Appetit und Aktivität prüfen Sie am besten nachts, wenn der Igel unterwegs ist. Fliegenbefall ist besonders heikel: Von April bis Oktober legen Fliegen gern Eier auf geschwächte oder verletzte Igel. Und noch etwas: Auch ein Igel mit normalem Gewicht kann akut krank sein. Vom Gewicht allein dürfen Sie nie auf die Gesundheit schliessen.
Mindestgewicht vor dem Winterschlaf: Die Schweizer Faustregel
Ein Jungigel braucht bis zum Wintereinbruch 500 bis 600 Gramm, um den Winterschlaf anzutreten. Ein gesunder erwachsener Igel mit genug Fettreserven bringt im Herbst 900 bis 1500 Gramm auf die Waage. Für Jungigel gilt ab Mitte Oktober diese Staffel:
Gewicht des Jungigels | Was Sie tun |
|---|---|
unter 300 Gramm | Drinnen aufpäppeln und eine Fachstelle kontaktieren |
300 bis 500 Gramm | Am Fundort zufüttern, als Ausnahme |
über 500 Gramm | Nichts tun, solange er gesund wirkt |
Wie knapp es werden kann, zeigt ein Rechenbeispiel. Ein Jungigel mit 300 Gramm Anfang Oktober nimmt bis Mitte November bei 5 Gramm pro Tag rund 225 Gramm zu. Damit erreicht er knapp das Winterschlafgewicht. Wird er zugefüttert, sind 10 bis 15 Gramm pro Tag möglich. Das steht in den Hinweisen zum pflegebedürftigen Igel.
Und ohne Waage? Ehrlich gesagt: Gramm lassen sich nicht zuverlässig schätzen. Hilfreich ist der Blick auf die Form. Ein gesunder Igel wirkt rundlich-oval, laut einem Merkblatt des Igelzentrums wie eine Mischung aus St.Galler-Brot und Pfünder. Ein untergewichtiger Igel ist länglich gebaut. Sein Kopf setzt sich ab, die Flanken sind eingefallen, und er läuft hochbeinig. Wirkt ein Igel auffällig, setzen Sie ihn in eine Kiste und wiegen ihn auf der Küchenwaage. Das Kistengewicht ziehen Sie ab.
Füttern erlaubt, füttern verboten: Was auf den Teller darf
Zwei Dinge dürfen auf den Teller: Katzennassfutter und Wasser. Bei allem anderen ist Zurückhaltung angesagt.
Erlaubt: Igelfutter ohne Getreide, Katzennassfutter mit über 70 Prozent Fleischanteil oder Katzentrockenfutter mit demselben Fleischanteil
Erlaubt: frisches Wasser in einer flachen Schale
Tabu: Milch und Brot
Tabu: Obst und Nüsse, denn der Igel kann pflanzliche Nahrung nicht verwerten
Stellen Sie das Futter in ein stabiles Igel-Futterhaus mit zwei verwinkelten Eingängen von etwa 12 mal 12 Zentimetern. So bleiben Katzen und Füchse draussen. Eine niedrige, umgedrehte Kiste mit einem Einschlupf von rund 10 mal 10 Zentimetern tut es auch.
Zufüttern ist ohnehin die Ausnahme. Die Fachstelle nennt nur drei Situationen. Erstens ein Jungigel im Spätherbst ohne Winterschlafgewicht. Zweitens ein Igel, der im Spätwinter zu früh erwacht, solange der Boden gefroren ist. Drittens der Appetit-Test bei einem auffälligen Igel. Ausserhalb dieser Fälle schadet Futter mehr, als es nützt. Es kann den Winterschlaf verzögern und den Igel von Ihrem Futterplatz abhängig machen.
Auch bei der Menge lohnt Zurückhaltung. Ein abgemagerter Igel bekommt anfangs nur 20 bis 30 Gramm hochproteinhaltiges Nassfutter.
Gut zu wissen: Das Refeeding-Syndrom kann bis zum Tod führen. Darum starten Sie klein.
Später gelten grobe Richtwerte: Ein Jungigel kurz vor dem Zielgewicht frisst täglich rund 150 Gramm Katzennassfutter. Ein abgemagerter Erwachsener mit 800 bis 1000 Gramm frisst rund 170 bis 200 Gramm. Ideal sind 10 bis 20 Gramm Zunahme pro Tag. Der häufigste Fehler gut gemeinter Helfer bleibt übrigens die Schale Milch.
Igelstation, Tierarzt oder selbst versorgen: So entscheiden Sie richtig
Wirkt ein Igel krank oder verletzt, bringen Sie ihn sofort zu einer Igelstation oder zum Tierarzt. Das Gewicht spielt dann keine Rolle. Ist er gesund, entscheidet die Gewichtsstaffel von oben.
Und wenn Sie unsicher sind? Dann hilft der Appetit-Test aus den häufigen Fragen des Igelzentrums. Nehmen Sie den Igel für genau eine Nacht herein und bieten Sie ihm Katzenfutter an. Frisst er gut, bringen Sie ihn am nächsten Abend sofort zurück an den Fundort. Frisst er schlecht, brauchen Sie eine Fachstelle.
Bis Hilfe da ist, gehen Sie nach den Erstmassnahmen des Igelzentrums vor:
Nehmen Sie den Igel mit Handschuhen oder einem Tuch behutsam auf.
Setzen Sie ihn in eine grosse Karton- oder Plastikkiste, mindestens 30 Zentimeter hoch und mit Zeitungspapier ausgelegt.
Notieren Sie Fundort, Fundzeit und Gewicht.
Fühlt sich der Bauch deutlich kälter an als Ihre Hand, legen Sie den Igel auf eine lauwarme Wärmflasche.
Rufen Sie so rasch wie möglich Igelstation oder Tierarzt an und fahren Sie in der Kiste hin.
Spät geborenes, sehr leichtes Jungtier: Das tun Sie konkret
Wiegt der Jungigel unter 300 Gramm, darf er bei drohendem Wintereinbruch nicht draussen bleiben. Sein kleiner Körper kühlt schnell aus. Auch die Futtersuche gelingt kaum noch. Er wird drinnen bei Raumtemperatur auf mindestens 400 Gramm aufgefüttert. Danach zieht er in ein Aussengehege um und bekommt dort weiter Futter, bis er das Winterschlafgewicht erreicht.
Planen Sie drinnen ein Gehege von mindestens 1,5 bis 2 Quadratmetern ein, bei über 15 Grad Raumtemperatur. Das Aussengehege misst mindestens 4 Quadratmeter, besser 10. Rufen Sie gleich zu Beginn eine Igelstation an. Sie entscheidet über das weitere Vorgehen.
Dürfen Sie einen Igel zuhause behalten? Die Rechtslage in der Schweiz
Nein, nicht ohne Grund. Der Braunbrustigel ist in der Schweiz durch das Natur- und Heimatschutzgesetz geschützt. Grundlos berühren, einfangen oder in Gewahrsam nehmen ist deshalb verboten. In einer Notlage dürfen Sie ihn vorübergehend aufnehmen. Dann kontaktieren Sie gleichzeitig oder so rasch wie möglich eine qualifizierte Igelfachstelle. Sie entscheidet, wie es weitergeht. Die Regel ist einfach: Gesunde Igel bleiben draussen. Bei einem Notfall greifen Sie ein und rufen sofort an.
«Potenziell gefährdet»: Was die Rote Liste bedeutet
Seit der 2022 veröffentlichten Roten Liste der Säugetiere gilt der Braunbrustigel in der Schweiz als «potenziell gefährdet». Diese Einstufung von info fauna beschreibt, wie bedroht die Art ist. Eine Schutzkategorie ist sie nicht. Der gesetzliche Schutz ergibt sich aus dem Natur- und Heimatschutzgesetz. An Ihrer Handlungsregel ändert die Rote Liste nichts.
Igelfreundlicher Garten im Herbst: Unterschlupf, Laub und Wasser
Auch ohne Notfall können Sie im Herbst viel für Igel tun. Vier Dinge reichen schon:
Lassen Sie in einer ruhigen Gartenecke, am besten unter einer Hecke, einen Haufen aus Laub und Reisig liegen.
Stellen Sie eine flache Wasserschale auf und wechseln Sie das Wasser alle paar Tage.
Verzichten Sie auf Gift wie Schneckenkorn und lassen Sie wilde Ecken stehen.
Ergänzen Sie bei Bedarf ein fertiges Igelhaus, etwa das Igelhotel mit Labyrinth-Eingang oder das Igelhaus Villa XL.
Unser Rat: Fangen Sie mit dem Laubhaufen an, er kostet nichts und wird gern angenommen. Ein Igelhaus steht am besten wind- und sonnengeschützt, etwa an der Nordseite des Hauses. Polstern Sie es mit Stroh aus. Heu schimmelt schnell. Werfen Sie vor dem Einsatz von Laubbläser oder Freischneider einen Blick unter Laub und Hecken, ob dort ein Igel schläft. Gartenteiche und Pools sichern Sie mit einem Brett als Ausstiegshilfe.
Igel richtig helfen: Ihre Checkliste für den Ernstfall
Wer zu früh oder zu spät eingreift, schadet dem Igel, auch bei bestem Willen. Kennen Sie die Gewichtsstaffel und die Alarmzeichen, entscheiden Sie in Sekunden statt nach Stunden der Unsicherheit. Notieren Sie Fundort, Gewicht und Uhrzeit, bevor Sie handeln. Bei Zoo Roco beraten wir Sie gern, wenn Sie Fragen zum Igelhaus oder zum Futterplatz haben.
Fundort, Uhrzeit und Gewicht festhalten.
Auf Röcheln, Hinken, Fliegen oder einen kalten Bauch achten.
Bei einem Alarmzeichen sofort Igelstation oder Tierarzt anrufen.
Ohne Alarmzeichen das Gewicht mit der Staffel vergleichen: Hat der Igel sein Winterschlafgewicht, lassen Sie ihn in Ruhe.
Häufige Fragen zum Igel im Herbst
Darf ich einen gesunden Igel einfach im Garten überwintern lassen, ohne ihn zu melden?
Ja, ein gesunder Igel mit ausreichend Gewicht braucht weder Meldung noch Hilfe. Lassen Sie ihn in Ruhe, denn grundloses Einfangen ist verboten. Ein ruhiger Unterschlupf im Garten ist die beste Unterstützung.
Wie oft sollte ich einen zugefütterten Igel kontrollieren, ohne ihn zu stören?
Einmal am Abend genügt: Futter und Wasser auffrischen und nachsehen, ob gefressen wurde. Igel sind nachtaktiv und kommen ohnehin erst in der Dämmerung. Mehr Rummel braucht der Igel nicht.
Kann ich einem Igel mit einem selbst gebauten Unterschlupf statt einem gekauften Igelhaus helfen?
Ja, ein selbst aufgeschichteter Haufen aus Laub und Reisig dient als Unterschlupf, ebenso wie ein gekauftes Igelhaus. Wichtig ist ein ruhiger, wind- und sonnengeschützter Platz. Gekaufte und selbst gebaute Häuschen werden gleichermassen gern angenommen.
Wie lange dauert der Winterschlaf eines Igels und worauf muss ich im Frühjahr beim Wiedererwachen achten?
Normalerweise dauert er von November bis März. Im Schweizer Mittelland erwachen Igel zwischen Mitte März und Mitte April, das Aufwachen zieht sich über Stunden hin. Prüfen Sie Laub- und Komposthaufen im Frühjahr vorsichtig von Hand, bevor Sie mit der Grabgabel stechen.
Was mache ich, wenn ich in meiner Region keine Igelstation finde?
Rufen Sie eine Tierarztpraxis in der Nähe an. Dort wird ein kranker oder verletzter Igel medizinisch versorgt, und die Praxis kann Ihnen oft eine Igelstation in der Region nennen.

